Geschichte
St. Andreas heute:
Bauwerk I: Saalkirche mit querrechteckigem Turm nach dem Dorfkirchenschema, wohl um 1160 errichtet. |
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Turmwerk und
Hallenbau
Mittlerweile favorisierten die Bürgergemeinden die Bauform der
Hallenkirche mit drei gleich hohen, gleich breiten Räumen. Der Turmblock für
St. Andreas, nach 1250 begonnen, bereitet in seinen Abmessungen einen Umbau
bereits vor. Und noch eines zeichnete sich schon im Untergeschoß ab: Hier in
der Neustadt beabsichtigte man, den höchsten Kirchturm der Stadt zu errichten!
Das allerdings sollte noch drei Jahrhunderte dauern.
Zunächst, in den Jahren um 1
300, begann man mit dem Hallenumbau. Neue Außenmauern und aufwendige
Wanddurchbrüche waren erforderlich, nach und nach entstand die gestreckte
kastenförmige Außengestalt. Zu erkennen sind diese neu aufgeführten Gewölbe
übrigens an ihrer Rippenbildung. Jetzt fehlten nur noch die äußeren
Ziergiebel, die etwa gleichzeitig mit dem hochgotischen Glockengeschoß am
Turm, um 1400, hinzugefügt wurden.
Eine letzte Etappe bildet
das Wirken von Barward Tafelmaker als Baumeister des Südturmes (bis 1532 die
Steinwerke). Die nachfolgenden Generationen haben nur noch gebessert und
erhalten, wiederaufgebaut und repariert. Gänzlich Neues kam nicht mehr
hinzu.
Die Giebelzier: Gotische Bildwerke
Die dreiecksförmigen, den
Kirchenbau gleichsam bekrönenden Ziergiebel sind ein Charaktermerkmal für die
Gruppe der mittelalterlichen Braunschweiger Stadtpfarrkirchen. Bis in den
profanen Bereich wirkte dieses Motiv, das heute noch am Altstadtrathaus zu
sehen ist (bis 1773/85 auch am Neustadtrathaus).
Die spätmittelalterlichen
Giebeldreiecke sind zumeist mit geometrischen Zierformen belegt, plastische
Bildwerke stellen die Ausnahme dar. Ein gotisches Figurenprogramm als
Bildzyklus besitzt nur St. Andreas.
Das Bildprogramm ist - mit
knappen Zusatzinformationen versehen - für jeden ablesbar und in seiner
Thematik leicht verständlich. Die Figuren wurden von einheimischen Meistern
und Gesellen geschaffen. Figürliche Darstellungen am Außenbau Nordseite: Der
hl. Andreas am Kreuz (Datum 1419) Im Osten beginnt die Szenenfolge zur
Kindheit Jesu Ost 1 : Zwei Propheten Ost 2: Marienverkündigung (Datum 1405)
Südseite, vom Chor zum Turm Süd 1 : Anbetung der Könige Süd 2: Flucht nach
Ägypten Süd 3: Der Kindermord von Bethlehem Süd 4: Der zwölfjährige Jesus im
Tempel.
Kröppelstraße.
Der Name Kröppelstraße ist
auf die Darstellungen des Bildfeldes Süd 4 bezogen worden - eine zwar
nachvollziehbare, jedoch falsche Deutung der als "Krüppel" mißverstandenen
Schriftgelehrten. Zur Legendenbildung trägt bereits das Schichtbuch des Hermen
Bote bei (um 1520), in dem die Auffassung vertreten wird, daß reiche
Kaufleute, an schweren körperlichen Gebrechen leidend, den Erstbau der Kirche
finanziert hätten.
Eine andere Deutung könnte
sich von den halbplastischen Figuren an den stützenden Strebepfeilern
herleiten (R. Dorn): Dort sind seltsame Gestalten in unheilabwehrender Manier
dem Kirchenbau als Helfer unterworfen worden. Die Reliefs sind leider durch
den Steinzerfall fast gänzlich zerstört.
Die Liberei und der
Pfaffenkrieg
Eine außergewöhnliche
Bibliothek. Als Liberei wird ein kleines turmähnliches Gebäude bezeichnet,
fertiggestellt 1422, auf das man nur wenige Schritte südöstlich der Kirche an
der Kröppelstraße trifft. "Liber" ist die lateinische Bezeichnung für
Buch.
Es ist das einzige mittelalterliche Ziegelgebäude in Braunschweig und
zugleich der erste Vorposten der nordischen Backsteinarchitektur, die das
Gesicht der Städte im Tiefland und entlang der Ostseeküste bis heute prägt -
denn dort fehlten ja brauchbare Werksteinvorkommen.
Erzählt wird, daß dieses
Gebäude durch den Pfarrherrn zu St. Andreas als Sühneleistung errichtet werden
mußte, nachdem er sich im sogenannten Pfaffenkrieg gegen den Rat gestellt
hatte. Ein Schmuckfries unter dem Staffelgiebel an der Südseite weist auf
einen solchen Zusamenhang: links finden wir das Wappen des Herzogs, das auch
vom Blasiustift geführt wurde, mittig den Braunschweiger Ratslöwen, rechts das
"sprechende" Wappen des Pfarrherrn Embern (Ember = Zuber, Eimer). Eine Reihe
von schreitenden Löwen verbindet diese drei Parteien miteinander, was an einen
Friedensschluß denken läßt.
Laut archivalischer
Uberlieferung war das kleine Bauwerk jedoch schon 1412/13 im Rohbau fertig,
vor Beginn des Pfaffenkrieges. Dachdeckung und Inneneinrichtung erfolgten erst
nach 1420. Die kleine Bücherei, in der damals immerhin über fünfzig
handgeschriebene Bücher aufbewahrt wurden, war von vornherein auch für die
Allgemeinheit bestimmt, ihre Nutzung sollte den Geistlichen und "allen
sonstigen ehrwürdigen Personen" erlaubt sein. Es handelt sich damit also um
den Vorläufer der öffentlichen Bibliotheken der Stadt
Braunschweig.
"Der geschichtsliebende
und altertumsfreundliche Besucher oder Einwohner Braunschweigs gewahrt an der
Kröppelstraße ein kleines eigenartiges Gebäude ... den vielleicht ältesten
noch erhaltenen, für sich stehenden Bibliotheksbau, den wir heute in
Deutschland besitzen." Paul Lehmann, Altphilologe und Mitglied der
Münchener Akademie der Wissenschaften, 1935.
Der kleine Backsteinbau
erlitt im Zweiten Weltkrieg erhebliche Schäden. Einer vorläufigen Sicherung
der Südseite folgte später, als die Ziegelproduktion wieder glasierte
Formsteine liefern konnte, die Neuerrichtung der Traufseiten und eine
abschließende Ergänzung am Südgiebel.
Der Pfaffenkrieg 1413
-1420
Die Auseinandersetzung entzündete sich am Wunsch des Gemeinen Rates,
neben den bestehenden geistlichen Schulen an den beiden Stiften St. Blasius
und St. Cyriacus und im Aegidienkloster eigene Lateinschulen einzurichten. Die
führenden Kleriker der Stadt, zu denen auch Johann Embern gehörte, fanden sich
im Stiftskapitel St. Blasii zusammen.
Der Streit eskalierte vor
allem durch eine ganz andere Frage, die Pfarramtsvergabe der Ulrichskirche,
die das Stiftskapitel für sich beanspruchte. Eine durch Ratsmitglieder
tolerierte Gruppe besetzte schließlich diese Kirche. Beide Parteien erwirkten
geistliche Strafmandate, mit denen jeweils die Gegenseite in den Kirchenbann
getan wurde. Folge für St. Andreas: die Kirche wurde geschlossen. Angeblich
soll über sieben Jahre hinweg kein Gottesdienst stattgefunden
haben.
Schließlich mußten sich die durch lange Delegationsreisen und
ausgegebene Bestechungsgelder finanziell erschöpften Parteien doch
verständigen; der städtische Rat konnte sich weitgehend durchsetzen. Die
damals gegründeten Schulen Martineum und Katharineum leben noch heute als
Gymnasium fort.
Spätmittelalter: Ein geistliches
Großuntemehmen.
Volksfrömmigkeit und
Kirchenorganisation. Die spätmittelalterliche Frömmigkeit ist von einer
besonderen Intensität geprägt. Diese Epoche wird auch als Zeitalter der
Stiftungen bezeichnet, die Zahl der Altäre wuchs bis 1495 auf insgesamt 17 an!
- Die Pfarrkirche der damaligen Zeit war ein geistliches Großunternehmen: Der
Pfarrherr betrachtete die Stelle als Pfründe (Einnahmequelle) und übertrug die
Amtsgeschäfte häufig an Heuerpfarrherrn, die ihrerseits Altaristen und - oft
schlecht ausgebildete - Prediger engagierten. Etwa zwanzig Personen
geistlichen Standes sind allein für St. Andreas vor der Reformation zu zählen.
Das plastische Werk schmückte wahrscheinlich die Frontseite eines der 17
Altäre. Die Bildaussage steht für Angst und Hoffnung der spätmittelalterlichen
Zeit. Die "Heilssehnsucht" konnte jedoch durch Organisation, Ritus und fromme
Spenden auf Dauer nicht gestillt werden. Die reformatorischen
Auseinandersetzungen begannen dann auch folgerichtig bei der Frage des
Ablasses: Wodurch ist der Christ vor Gott gerechtfertigt? - Nur durch den
Glauben allein, so formulierte Martin Luther. Und dies tat er im bewußten
Gegensatz zum Loskauf von zeitlichen Höllenstrafen durch den
Ablaß.
Bildlich erfaßt ist dieses Schrecknis der Hölle auf der Reliefplatte
von 1480 wiederzuentdecken, die an der Turminnenwand hängt: Christus als
Weltenrichter thronend über der Szenerie, unten schreiten links die Seligen
ins Paradies, rechts werden die Verdammten in den Höllenrachen geschleppt. Wer
sich zu dieser Gruppe rechnete, mußte zwangsläufig von der Angst gepackt
werden.
Wer war Sankt Andreas?
Andreas gehört zu den Zwölf
Aposteln und stammt aus einer Fischerfamilie. Zuerst Jünger des Johannes,
folgte er mit seinem Bruder Simon, genannt Petrus, dem als Messias erkannten
Jesus nach. Christus beruft ihn zur Ausbreitung des
Evangeliums.
Zahlreiche Wunder und Heilungen werden ihm zugeschrieben. Der
Statthalter Egea von Patras läßt sich allerdings nicht überzeugen. Auf sein
Geheiß soll der Apostel einen langsamen Tod sterben und wird an ein Gabelkreuz
gebunden (in der Kunst erst vom 13. Jahrhundert an so dargestellt). Andreas
predigt jedoch weiter, himmlisches Licht verhüllt den
Sterbenden.
In älteren Aufzeichnungen wird berichtet, daß die St. Andreaskirche
in Braunschweig zwei sehr, sehr kostbare Reliquien besaß: einen Arm des
Apostels sowie Teile von dessen Schädel, die in einem silbernen Kopfreliquiar
geborgen waren. Angeblich soll sich aber das Haupt des Heiligen vor 1450 in
Patras (Griechenland) befunden haben; von dort gelangte es nach Rom und wurde
im Jahre 1964 an seinen alten Ort zurückgebracht.
Ein
Turm als Symbol städtischer Freiheit
Das Turmwerk von
St. Andreas lediglich im innerstädtischen Vergleich zu werten, greift zu kurz.
Denn zugleich war eine Repräsentation nach außen entstanden, die die stolze
Unabhängigkeit der Bürgerstadt Braunschweig signalisierte. In dieser Weise ist
das Turmwerk von zeitgenössischen Holzschnitzern und Kupferstechern auch
wahrgenommen worden. Ein nationaler Mythos nahm hier seinen
Anfang.
Seit 1544 galt der
Südturm von St. Andreas, dessen Spitze 122 Meter erreichte, als der
dritthöchste Turm in Mitteleuropa, übertroffen nur noch vom Straßburger
Münster und dem Wiener Stephansdom.
Für den damaligen
Landesherrn mußte die steile Zeltspitze geradezu den Gipfel der Unbotmäßigkeit
darstellen, hatte man doch während seiner Vertreibung durch das evangelische
Bündnis der "Schmalkaldener", zu dem auch die Stadt Braunschweig gehörte, das
Holz dazu aus seinen Forsten geschlagen. Als sich das Blatt gewendet hatte,
setzte gerade dieser Fürst, Herzog Heinrich d. J. von
Braunschweig-Wolfenbüttel, einen hohen Preis für denjenigen aus, der den
Turmhelm herunterholen würde: Während der Belagerung von 1550 schoß man, so
wird berichtet, 467 Mal die Kanonen darauf ab. Ohne Erfolg!
Eine Reihe von
Unglücksfällen reduzierte die Turmhöhe. Dem Absturz in einem schweren Sturm
des Jahres 1551 folgte der Neuaufbau 1559 (108 Meter), nach Blitzschlag und
Brand entstand 1740-42 die geschweifte Barockhaube (93 Meter), die bis 1944
erhalten blieb - seit dem Jahre 1955 wieder oder immer noch der höchste
Kirchturm der Stadt!
Barward
TafeImaker - der letzte Baumeister an St. Andreas
Die Geschichte des
Turmwerkes im 16. Jahrhundert verbindet sich eng mit der Reformation
einerseits, mit dem Baumeister Barward Tafelmaker andererseits. Durch seinen
eigenhändigen Bericht sind wir über die Bauperiode von 1518-1559 gut
unterrichtet. Als begabter Techniker, der sich hohes Ansehen in ganz
Norddeutschland durch seine "Wasserkünste" erwarb, hatte er schnell das
Konstruktionsprinzip der Türme begriffen, die gerade eben über das Glockenhaus
gediehen waren. 1518 erhielt er seinen Bauauftrag, die Gläubigen gaben willig
- ihrem Seelenheil zuliebe. Die Steinwerke des Südturmes waren bald um weitere
zwei Geschosse erhöht. "Gerade als wir einen neuen Steinbruch auf dem Elme
abgeräumt hatten, um auch den Nordturm zu bauen ... fing Dr. Luther an zu
schreiben, daß die guten Werke nicht verdienstlich sondern sündlich wären. Nun
wollte keiner mehr dazugeben, wir mußten den Bau stehen lassen ..." 1532
waren die finanziellen Mittel erschöpft. Ein bis heute sichtbares Dokument der
reformatorischen Ereignisse ist das unvollendete Steinwerk des
Nordturmes.
Tafelmaker verlor
seinen Arbeitsplatz und sparte offenbar nicht mit Kritik. Das wird wohl der
Grund gewesen sein, warum ein anderer die hohe Südspitze aufsetzten durfte.
Für den nächsten Helm von 1 559 war er selbst wieder zuständig. Der letzte
Baumeister von St. Andreas starb als angesehener und wohlhabender Mann. Sein
Wohnhaus stand unter dem Kirchturm an der Ecke zur
Weberstraße.
Renaissance und
Barock
Nach einer ersten reformatorischen Phase, die von einer sehr
deutlichen Konzentration auf das verkündete Wort geprägt war, verstärkte sich
zum Ende des 16. Jahrhunderts wiederum das Bedürfnis nach Ausschmückung und
Versinnbildlichung.
St. Andreas erhielt eine
Reihe von Prinzipalstücken im zeitgenössischen Renaissance-Stil: zunächst
einen neuen Altar, der um 1580 angefertigt wurde. Dann eine neue Kanzel, die 1610 entstand; die davon erhaltene Trägerfigur des hl. Andreas kommt aus der
Werkstatt des damals vielbeschäftigten Georg Röttger. Der Holzbildhauer, einer
der führenden norddeutschen Künstlern seiner Zeit, gehörte zur Gemeinde von
St. Andreas. Besonders bedauerlich ist, daß sein Erinnerungsmal (Epitaph, das
mit einem Portrait versehen war), 1944 zugrunde ging .
Die Autonomie der Stadt
endete nach Belagerung und Unterwerfung im Jahre 1671. Baumaßnahmen im Gefolge
der Reformation entstand das Speichergebäude der Alten Waage (1534), vom
Gotteshaus nur wenige Meter entfernt. Das Holzwerk wurde 50 Jahre nach seiner
Zerstörung neu hergestellt (1994).
Vom
Orgelprospekt
aus dem Jahre 1634 blieb eine Reihe von Zierstücken im
typischen Ohrmuschelstil (Übergang Renaissance zum Barock). Ihre Restaurierung
konnte vor kurzem abgeschlossen werden. Sie werden an der Turmwand
gezeigt.
Eine tiefe Zäsur in der Geschichte der Stadt bedeutete die
Unterwerfung des selbständigen bürgerlichen Gemeinwesens im Jahre 1671 .
Zugleich mit den siegreichen Welfenfürsten zog auch der Barockstil in die
Stadt ein. In der Folgezeit verlagerten sich die Schwergewichte von Politik
und Wirtschaft in andere Stadtviertel (Bohlweg mit Stadtschloß, Altstadtmarkt
als Messegelände). Für die Neustadt begann eine eher gemächliche
Zeit.
Vorstellungswandel
Der Vorstellungswandel vom
angemessenen Inneneindruck einer Kirche läßt sich an der Geschichte der Altäre
verfolgen: Das Werk der Renaissance hielt man bald für unpassend, ein großer
Barockaltar mußte her. Der wurde in der nächsten Epoche, dem Biedermeier,
einer sogenannten Vereinfachung unterzogen, und gut 50 Jahre danach setzte der
Historismus seine eigene Auffassung durch. Nach der Kriegszerstörung blieben
nur wenige Epitaphien der Renaissance- und Barockzeit erhalten.
Stellvertretend für die raumgreifende barocke "Inszenierung" sei hier das
Erinnerungsmal für Heinrich Kalm vorgestellt. Aus dieser Zeit, deren
ästhetisches Empfinden nach räumlicher Bewegung verlangte, stammt auch die
geschwungene Haube des Südturmes (1740-42).
Das Glaubensleben zeigte vor
allem im 17. Jahrhundert deutliche Züge einer Erstarrung. Während die
konfessionellen Gegensätze zum Dreißigjährigen Krieg eskalierten, versuchten
die Pastoren in stundenlangen theologischen Exkursen die Reinheit der Lehre zu
bewahren; Langeweile breitete sich aus. Schließlich mußte man diejenigen
lobend erwähnen, die niemals bei der Predigt schlafend beobachtet
wurden.
Das 19. Jahrhundert: Pfarrbezirk als
Tortenstückchen
In der Mitte des 18.
Jahrhunderts wurden die Friedhöfe aus hygienischen Gründen vor die Tore der
Stadt verlegt. Das Ziel der Maßnahme war, den Bestattungsplatz von den
Brunnenanlagen der benachbarten Grundstücke zu trennen. Behielt man die Toten
bisher bei der Kirche, so waren es nun fünfzehn Wegminuten bis zum
"Gottesacker".
Doch die Stadt holte den
Friedhof wieder ein. Der Startschuß fiel mit der Niederlegung der gewaltigen
Bastionärsbefestigung in den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts. Die
Umgestaltung zu Parkanlagen und Villenstraßen zog sich dann über mehrere
Jahr-zehnte hin. Heute noch sichtbare Erhebungen, wie etwa der Gaußberg, sind
die Überreste der alten Bastionen.
Der Siedlungsausweitung
entsprach die Bevölkerungsentwicklung. Für das 16. Jahrhundert werden etwa
2.500 Gemeindeglieder geschätzt, 1825 war die Zahl auf rund 4.000 Seelen
angestiegen, im Jahre 1914 gehörten zum Bezirk von St. Andreas bereits 16.000
Menschen.
Spürbar wird hierbei aber auch eine Veränderung der Rolle der Kirche
im Leben vieler Menschen, denn die Zahl der eingepfarrten Bevölkerung ist
nicht mit den aktiven Kirchgängern gleichzusetzen.
Die Siedlungsentwicklung
nach außen beschleunigte sich in der zweiten Jahrhunderthälfte. Die bisherigen
Pfarrsprengel der Innenstadtkirchen wurden mit ihren Grenzen nach außen
verlängert. Nun ergab sich für die St. Andreaskirche als Parochie eine Art
Dreieck, in dessen Spitze die Gemeindekirche lag. Kartographisch sieht das aus
wie ein Tortenstück.
Die Trassierung zieht sich
häufig über unbebaute Garten- und Feldgrundstücke. Das damals entworfene
Gesamtsystem prägt bis heute das Braunschweiger
"Ringgebiet".
Gesellschaftliche
Unterschiede
Der Vielfalt der in den Pfarrbezirk einbezogenen Stadträume entsprach
eine klar erkennbare gesellschaftliche Differenzierung, Im alten, durch enge
Gassen und Fachwerk geprägten Innenstadtquartier fand sich eine
mittelständisch-kleingewerbliche Mischung mit deutlichen Übergängen zur
geringer bemittelten Arbeiterschaft zusammen. An der Langen Straße, Weber- und
Beckenwerkerstraße rekrutierte sich das Wählerpotential der Links-Parteien. In
der Umgebung des Werders sah man in die Elendsquartiere der Stadt, was ein
Reimwort treffend ausdrückte: "Mauernstraße, Klint und Werder, davor hüte sich
ein Jeder."
In den Villen der Wallringes wohnte die Führungsschicht der Stadt:
Bankiers, Unternehmer und hohe Beamte; im Außenring nahm überwiegend das
mittlere und gehobene Bürgertum seinen Wohnsitz. Vor allem aus diesen Kreisen
kamen auch die vielen privaten Geldgeber für die Sanierungsvorhaben im Inneren
der Kirche, die 1897 in Angriff genommen wurden und die im Endeffekt einer
fast vollständigen Neuausstattung gleichkamen. Ein opulenter Historismus, der
überwiegend als Neogotik in Erscheinung trat, prägte den Kirchenraum bis
1944.
Beliebtes Motiv: Kirche, Wollmarkt, Alte Waage
Justus
Herrenberger stellt 1994 in der Festschrift zur Einweihung der neuerrichteten
Alten Waage fest, daß Braunschweig drei Plätze mit historischem Symbolwert
besaß, die in immer neuen Varianten während der letzten Jahrhunderte
abgebildet worden sind: Burgplatz, Altstadtmarkt und eben der Straßenzug
Wollmarkt mit seiner südlichen Fortsetzung Alte Waage.
Der Name dieses
Platzes bezog sich im engeren Sinne auf das Speichergebäude und Waagehaus der
Neustadt von 1534, das sich bis dicht an die Andreaskirche heranschob. Bis zu
seiner Zerstörung im Jahre 1944 markierte der gewaltige Fachwerkbau den
eindrucksvollen Kontrapunkt zum himmelhoch aufragenden Steinwerk der
Kirchtürme.
Die ehedem identitätstiftende Wirkung festzustellen, ist sicher
richtig. Für eine "Neu-Erschaffung" nach 50 Jahren Abwesenheit kann dies
allerdings nur bedingt als Argument gelten. Die simple Nachschöpfung ist eher
der Beleg für eine aktuelle Orientierungslosigkeit, die sich nicht mehr auf
einen gemeinsamen Ausdruck moderner Architektur verständigen kann. Offen
bleibt die Frage, wie unsere - bauliche - Umwelt in Zukunft aussehen
soll.
Als Versäumnis der Nachkriegszeit erscheint zumindest, daß erkennbare
"Individualitäten" eingeebnet worden sind. Wohn- und Geschäftsbebauung
erscheinen nüchtern, karg, funktionalistisch. Gestaltungsraum für
ansprechende Details, die unseren Augensinn herausfordern, die neue
Entdeckungen ermöglichen, blieb nicht mehr. Diese optische Qualität finden wir
jedoch im Großen wie im Kleinen an der alten Kirche wieder.
Zerstörung und
Wiederaufbau der Neustadt
Vierzig mehr oder minder
schwere Luftangriffe hatte die Stadt und ihre Bevölkerung zu erdulden. Die
Tage jedoch, die die Menschen in Bunkern zubrachten, addierten sich zu Wochen
und Monaten, da die alliierten Bomberflotten den Weg nach Berlin häufig über
Braunschweig nahmen - und keiner konnte wissen, ob diesmal nicht doch die
eigene Stadt gemeint war.
Bereits im Februar 1944
waren die ersten Bombenschäden im Umfeld der Kirche zu registrieren, das
Fachwerkgebäude der Alten Waage war zum größeren Teil vernichtet. Beim Angriff
am 13. August erlitt das Pfarrhaus einen Volltreffer, Brand- und Sprengbomben
demolierten die Andreaskirche in schlimmer Weise: Das Dach war ruiniert,
sämtliche Fenster zerborsten; der Druck einer Luftmine hatte einen großen
Lindenbaum entwurzelt und ihn dorthin befördert, wo am Tage zuvor noch die
Gemeinde Platz genommen hatte. - Das Bild des Lindenstammes ist zum Symbol der
Zerstörung von St. Andreas geworden.
Nach dem Totalangriff auf
Braunschweigs Innenstadt, der am 15. Oktober 1944 ab 1.50 Uhr erfolgte,
hatte sich der Schaden an der Kirche nur unwesentlich vergrößert. Doch welch
ein Anblick ringsum! Das Stadtviertel war vollständig vernichtet, das alte
Fachwerk im Feuersturm restlos untergegangen. Eine Trümmerwüste dehnte sich
vor den Augen der entsetzten Menschen aus.
Der Zerstörungsgrad beträgt
annähernd 100 Prozent.
Wiederaufbau der
Neustadt
Die Nachkriegsjahre waren von Not und Elend geprägt. Ein ganz neuer
Anfang mußte gewagt werden. Nachdem ein erster
Verkehrswegeplan skizziert war, dessen Grundlinien sich heute noch im
"City-Ring" ausprägen, konnte der Wiederaufbau in der Neustadt - die jetzt zum
Wohnviertel deklariert war - beginnen. Eine erste Kontroverse um die Gestalt
der Gebäude und der Platzanlage löste ein städtebaulicher Wettbewerb der
Jahre 1946/47 aus. Interessant ist es zu beobachten, daß die meisten der in
der Preisgruppe vertretenen Architekten den Baukörper der "Alten Waage" in
modernen Materialien als Blickfang wieder errichten wollten.
Das Neustadtgebiet
war einer der ersten Aufbauschwerpunkte in der Braunschweiger Innenstadt.
Innerhalb weniger Jahre entstanden in diesem Bezirk 1000 Wohnungen.
Schlichtbauten der 50er Jahre prägen heute noch das Gesicht des Viertels, und
der aufmerksame Beobachter findet eine Reihe von Inschriften und Mosaiken, die
mit Stolz die gerade vollbrachten Leistungen anzeigen. mit
ein.
Aus: Slawski,
Robert: St.Andreas - Neustadt - Braunschweig.
Hrsg. vom
Kirchenvorstand der St.Andreasgemeinde zu Braunschweig. -
Braunschweig: Evang.-Luth
Kirchengemende St.Andreas, 1996
ISBN 3-9805173-0-6
NE:
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